Einleitung von Christian Enichlmayr
Das Zusammenstellen einer Ausstellung, die Gedrucktes und Handgeschriebenes aus über einem Jahrtausend in Buchform zum Inhalt hat, ist wie eine Reise durch Welten und Zeiten. Eine Reise durch die Skriptorien der mittelalterlichen Klöster, in denen die Literatur für den eigenen Bedarf schreibschriftlich vervielfältigt wurde und die Druckwerkstätten der beginnenden Neuzeit. Weiter über das beginnende Zeitungs- und Nachrichtenwesen bis zur Revolution des Weltbildes durch die Naturwissenschaften. Die Reise führt aber auch in die Bücherstube und Gedankenwelt des vielseitig gebildeten Gelehrten, Landeskundlers und Bibliothekars Konrad Schiffmann, der sein Leben dem Sammeln, Ordnen und Verzeichnen des ihm anvertrauten kulturellen Erbes gewidmet hat. Schiffmann war es in den dreißiger Jahren gelungen, ein eigenes Bibliotheksgebäude am Linzer Schillerplatz zu errichten. Die Beschäftigung mit der Planungsphase des markanten Gebäudes förderte aber auch Vorstudien und Pläne zu nie Realisiertem zutage, wie zu einer bereits 1911 entworfenen Bibliothek im Jugendstil.
Die Aufsätze dieses Bandes zeichnen aber nicht nur eine tausendjährige Geschichte der heimischen Schrift- und Buchkultur nach, sie belegen auch die langen - und lange vergeblichen - Bemühungen des Landes Oberösterreich um eine eigene Bibliothek. Otto Wutzel ist den ersten Spuren einer oberösterreichischen Landesbibliothek nachgegangen und ortet sie im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts. Dieser Band enthält die faksimilierte Form seines Aufsatzes "Die Pläne zur Errichtung einer Landesbibliothek in Linz 1772-1776", erstmals abgedruckt in den Mitteilungen des Oberösterreichischen Landesarchivs, 3, 1954.
Eine umfassende Geschichte der "bibliotheca publica" in Linz aufzuzeichnen, würde den Umfang eines Ausstellungskataloges bei weitem sprengen, selbst eine Bibliographie kommt um die einschränkende Spezifikation "Auswahlbibliographie" nicht herum. Rudolf Lindpointner hat den Versuch unternommen, den Wurzeln der damaligen "Lyzealbibliothek" nachzugehen und dabei die gewichtigsten Quellen zu Wort kommen zu lassen. Gerhard Winkler - als einziger Mitgestalter dieser Ausstellung bereits an der 200-Jahr-Feier dieses Hauses beteiligt - verdanken wir viele Hinweise auf die mehr oder weniger versteckten Kostbarkeiten dieser Bibliothek. Er selbst hat sich in seiner biographischen Skizze der Persönlichkeit des ersten "professionellen" - weil staatlich besoldeten - Bibliothekars der "k. k. Studienbibliothek" angenommen, dem Weltpriester, Germanisten und Lehrer Konrad Schiffmann. Schiffmann - als Gelehrter vielfachen Anfeindungen ausgesetzt - hat mit der Architektur der heutigen Bibliothek am Schillerplatz ein Gebäude errichtet, das in den dreißiger Jahren zum modernsten zählte, was Österreich auf dem Sektor Bibliotheksbau zu bieten hatte. Das sechsgeschoßige Magazin mit seiner tragenden Stahlkonstruktion und dem durchscheinenden Glasboden war seiner Zeit weit voraus, auch wenn uns die Konzentration auf die Buchaufstellung in Magazinsregalen heute anachronistisch und nicht gerade benutzerfreundlich erscheint.
Die Geschichte einer Bibliothek ist nicht rund ohne der Geschichte ihrer Benutzer. Rudolf Lindpointner hat sich in seiner bibliothekarischen Hausarbeit mit Benutzerforschung befasst und eine Momentaufnahme aus der Mitte der neunziger Jahre zum Thema Benutzerzufriedenheit erstellt, die mit sozialwissenschaftlicher Methodik den hohen Grad an Zufriedenheit festhält, den die Leser "ihrer" Studienbibliothek entgegenbringen. Seine Studie hilft noch heute bei der Neupositionierung des Hauses. Für die Zwecke des Ausstellungskataloges wollten wir aber bewusst keine Balkendiagramm- und Prozentanalyse, sondern eine subjektive, persönliche Skizze aus Lesersicht. Peter Kraft, Linzer Journalist und Kulturpublizist, hat sich bereit erklärt, so eine zeitgeschichtliche Reise durch die Bibliothek und ihre wechselnden Direktoren aus seiner ganz persönlichen Sicht beizutragen. Auch Konrad Schiffmann selbst soll in seiner eigenen - bisher unveröffentlichten - Einführung zum Handschriftenkatalog der Studienbibliothek zu Wort kommen. Gerhard Winkler hat es übernommen, den Beitrag Schiffmanns für heutige Buchinteressierte lesbar zu machen und redaktionell zu überarbeiten.
Mein Dank gilt den Autoren der Beiträge ebenso wie dem Unterhaltsträger Land Oberösterreich, ohne die in der kurzen Vorbereitungszeit eine doch so umfassende Zusammenschau der Wurzeln der Buchkultur in Oberösterreich nicht möglich gewesen wäre.
C.E.

